Der Schock traf Silke’s Vater tief; im Volksmund gesagt, direkt
ins Mark. Und Paula sieht es ihm an. Er hängt völlig durch. Sich etwa zu
verstellen und Haltung zu wahren, darauf legt Robert in diesem Moment keinen
Wert. So abgeklärt wie er seinem Job als Journalist nachgeht – sei es im
Interview mit einem Frauenmörder in der Todeszelle unmittelbar vor dessen
Hinrichtung oder mit dem Staatschef, der meint, die Welt nach seinen
wahnsinnigen Vorstellungen neu ordnen zu müssen – so gelähmt fühlt er sich hier
in seiner Machtlosigkeit. Mit der Tatsache konfrontiert, ein zweites Mal in
seinem Leben, welches bereits zur Hälfte vorüber sein könnte, dass ihm derart Trauriges
wiederfährt. Sogar Mitleid für Fadil kommt kurzzeitig in ihm auf; was haben sie
nicht doch Spektakuläres gemeinsam erlebt. Jedenfalls hat allein schon das Wort
Abtreibung aus der Mitteilung seiner Tochter über ihre Entscheidung, Erschütterung
ausgelöst. Grete und Peer, Silke‘s Großeltern, würden das nicht überleben, wenn
sie davon in Ham burg erführen. Auch Paula hätte er diese Nachricht am liebsten
verschwiegen. Aber er teilt halt gern. „Lass mich nur machen, ich werde mit Silke
sprechen, von Frau zu Frau. Ihrer Mail entnehme ich eher Panik als
Entschlossenheit“, glaubt die selbstbewusste Lady aus Colorado Robert
zuversichtlich zu stimmen. „Vielleicht kann sich deine Tochter nicht vorstellen
ihr Leben als alleinerziehende Mutter so zu gestalten, dass sie auf ihre Lieblingsbeschäftigung
nicht etwa dauerhaft verzichten müsste. Außerdem würde ihr Wesentliches wohl kaum
entgehen. Die Geschichte, der sie bei den Ausgrabungen auf der Spur zu sein
scheint, ist schließlich viel älter als tausend Jahre.“ Beeindruckt von Paula‘s
klugen Worten ist der Vater in Robert im Handumdrehen erneut aufgebaut. „Du
sagst es Paula, was spielen da ein paar Jährchen überhaupt für eine Rolle. Und
mit ihrem Hamburger Dozenten stand sich Silke ohnehin recht gut. Ich könnte
auch mit Ighor sprechen, ob er von seinen Vorlesungen an der Mailänder Uni für zwei
Semester eine Auszeit einlegen kann, um Silke eine Weile zu vertreten. Letztendlich
war er bei der Entdeckung des Schatzes im vorigen Jahr mit dabei. Und ich bin
ja auch nicht aus der Welt.“ Mit einem munteren ‘so machen wir es‘ denkt Robert,
die Idee Paula’s einfach kurz und bündig verabschieden zu können, woraufhin
diese ihm deutlich klarmachen muss, welch sensible Vorgehensweise erforderlich
ist, um seine Tochter nicht zu verschrecken, damit sie sich nicht womöglich abkapselt.
Paula kann sich vorstellen, dass Silke bereits einen Schutzmantel angelegt hat
und die Umstimmung äußerst bedachtsam angegangen werden sollte. Nach dem was
sie von Robert über Silke‘s Vergangenheit alles gehört hat, liegt ihr deren
Wohl besonders am Herzen. Und so klingt ihre Stimme ernst, der Umgebung dieser
Ruine, die ihrer beider momentanes Versteck ist, angepasst. „Wieviel Zeit
bleibt dir noch bis zum Termin mit dem Interview? Wann musst du spätestens in
Korea vor Ort sein, Robert?“ Zurück in der Rolle des Beschützers beider Frauen,
überzeugt er Paula von seiner wiederhergestellten Entschlossenheit. „Silke ist
mir wichtiger, aber wir können auch Beides schaffen. Vergessen dürfen wir nur
nicht, unentdeckt zu bleiben.“ Nach einem prüfenden Rundblick schlägt Robert
den Kragen seiner Schottenjacke hoch und schnürt seiner jüngsten Beziehung ihren
Poncho, auf dass sie halb im Freien nicht zu frieren beginnt. „So wie du mich
führst Robert, mache ich mir darüber keine Sorgen.“ Im Hilton eingecheckt und
durch den Hinterausgang über Umwege des Nachts zu dieser Absteige geschlichen, war
Robert’s einzige Wahl die Spürhunde von Paula’s Fährte abzulenken, bis beide
aus der Metropole verschwunden sein würden. Bekanntlich verfügen insbesondere
Geheimdienste nicht erst seit heute über effektive Verfolgungsmöglichkeiten zum
Handy eines Gesuchten, wie auch die auf Paula angesetzte Verschwörung. Mit ein
paar simplen Tricks hat Robert gleich nach ihrer Ankunft beobachten können, wie
sich die Amerikaner hier in Istanbul der türkischen Zuarbeit bedienen, was ihm
Fadil eigentlich schon früher bestätigte, als dieser, davon geplagt, mit seinen
Recherchen über die Hintergründe des Systems die Arbeit in der Türkei aufnahm. So
graust es Robert bei dem Gedanken, auf den Titelseiten der Weltpresse lesen zu
müssen, dass sich Paula Anderson aus Verzweiflung über Zerwürfnisse wegen Erbschaftsstreitigkeiten
mit ihren Töchtern etwa vom obersten Stockwerk eines Hotels gestürzt hätte. Dann
bekäme die Nachrichtenbranche binnen einer Woche nach seinem Liveinterview mit
der Widersacherin des Ölmagnaten die zweite Story serviert und kein Leser
wüsste, was er glauben soll. Robert kennt das Geschäft nur zu gut. Und es mag
denkbar sein, dass die Flucht Paula’s auch zu seiner werden könnte. Noch ist
sein Hintergrundwissen über die globalen Machtverhältnisse des Geldadels zu
delikat und die Agentur will ihn keinesfalls verlieren. Schon gar nicht bevor er
die Talkshow mit Nordkoreas Staatschef und Donald Trump eingefädelt hat. Die
Einschaltquoten lassen Werbeeinnahmen in ungeahnter Größenordnung erwarten. – Wollt
Ihr wissen, wie es weitergeht? Dann lest die Fortsetzung am nächsten Freitag. Bis
dahin, Euer Stefan