„Wenn das Kind von mir ist, bestehe ich sogar darauf als
Vater anerkannt zu sein! Was soll überhaupt diese Frage? Das ist doch
selbstverständlich! Und darauf lege ich Wert! Ich bin ein Özdemir!“ „Und was
hast Du neulich am Telefon mit deinem Theater bezweckt, dich an unsere Nacht in
Huntsville nicht mehr erinnern zu können, als ich dir aus Marokko die freudige
Nachricht meiner anderen Umstände mitteilen wollte?“ „Das war ein Missverständnis,
Silke!“ „Ha, ha! Kneifen wolltest du, Schuft!“ – Wären sie bei ihrem Treffen
jetzt in einem Restaurant statt hier, hätte man besser rasch die Tischbestecke
eingezogen, um einem Griff zum Messer zuvorzukommen. Denn auch ihrer Aller
Outfit, Typen aus dem Untergrund ähnelnd, lässt nicht unbedingt nur Friedsames
vermuten. Jedenfalls, die Erregung unserer kurzzeitig im letzten Dezember
Verliebten bedarf kaum noch einer Steigerung, um übrige Besucher der kleinen gemütlichen
Teestube vis-a-vis des Hilton zu verstören, verstünden diese englisch und somit
die erhitzte Auseinandersetzung zwischen Robert’s Tochter und ihrem einstigen
Schwarm Fadil. Doch da offensichtlich dem nicht so ist, verschlägt diese als
friedlich gedachte Begegnung der beiden, allein Robert und seiner Begleiterin
Paula beinahe die Sprache. „Das hört sich nicht gut an, meine Lieben!“, findet
Robert schließlich doch Worte als Appell an die Vernunft und schaltet sich mit
erhobenem Finger ein, woraufhin Paula ergänzt: „Zanken bringt euch auch nicht
weiter! Was wünscht ihr euch denn, ein Mädchen oder einen Jungen?“ „Soweit bin
ich noch nicht, mir missfällt die Ungewissheit, womöglich gar nicht der Vater
zu sein“, verteidigt Fadil bedrückt dieses Verhalten und senkt zum Ausdruck einer
gewissen Verzweiflung den Kopf. „Na Silke, jetzt bist du wohl an der Reihe zu
klären, was Fadil verunsichert“, fühlt sich Robert als Vater veranlasst seine
Tochter in die Pflicht zu rufen. „Wünschen die Herrschaften einen zweiten Tee?
Und mehr Gebäck?“, ist auch die aufmerksame Bedienung bemüht, die Stimmung der Gäste
wieder erträglich werden zu lassen. „Wenn Sie von dem Verzaubernden noch ein
Glas bringen könnten, hätte ich gern das Honigstück dabei“, geht Paula auf die
freundliche Nachfrage ein, wohlwissend, damit eine Atmosphäre zu fördern, welche
die Gemüter animiert übereinzukommen – und tatsächlich schließen sich die
anderen drei sogleich mit ihrer Bestellung gern an. Ein Zeichen des Kellners
lässt einen alten Mann, schlicht gekleidet, behutsam aus dem Dunklen
hervortreten und mit einem leisen Flötenspiel beginnen Musik zu machen, so dass
sie sich unter ihrem buntseidigen Baldachin, einem Versteck gleich, umgeben von
Geschichten erzählenden Wandteppichen, wie im Märchen von ‘Tausend und einer
Nacht‘ wähnen, indes draußen das Treiben zunimmt. Und tatsächlich wird an diesem
lauwarmen Samstagnachmittag im Februar hier am Bosporus bald die Sonne
untergehen. Dann spätestens sollte auch endlich ‘der Hund vom Tisch‘ sein, denn
so wie Paula und Robert durch die Hintertür kamen, wird es für sie langsam Zeit,
vor ihren Verfolgern heimlich wieder zu verschwinden. – „Also, ich habe zigmal
hin und her gerechnet, aber das Ergebnis ist, dass den Beweis nur ein Bluttest
erbringen kann; daran führt kein Weg vorbei und deshalb bin ich hier.“ „Aber
warum ist es denn so kompliziert, Silke?“, wundert sich Robert, in diesen
Fragen etwas unbeholfen, hat er doch seine Tochter erst seit einigen Monaten,
nach unerwarteten Ereignissen in ihrem Hamburger Zuhause bei den Großeltern,
besser kennenlernen können. Zwanzig Jahre auf der Flucht vor sich selbst und
der Wahrheit waren einfach eine zu lange Zeit. So durchzucken
ihn die Erinnerungen an den ungeklärten Unfalltod seiner geliebten Frau wie
Blitze und er muss sich beherrschen, jetzt die Fassung nicht zu verlieren, wie
man es ihm in den zahlreichen Wochenendsitzungen antrainiert hatte. Nicht so arg
verwundert springt Paula dem Vater bei, und um auch seiner Tochter aus der
Patsche zu helfen, ohne etwa Fadil zu verletzen: „Ich erinnere mich an meine
erste Liebe, aber leider auch an die Enttäuschung und wie ich sie zu überwinden
versuchte. Ob mich Wut, Rache oder Genugtuung trieb? Wie auch immer, nach neun
Monaten war ich stolz, Mutter eines gesunden Kindes zu sein. Und siehe da, die
vermeintlichen Väter wären es am liebsten beide gewesen.“ „Genau! Als mich
nämlich Fadil bei der Wahlparty in Texas keines Blickes würdigte und er
stattdessen abseits mit einer Hübschen herumturtelte, fühlte ich mich neben dem
Sohn des Gouverneurs in seiner Viper sauwohl.“ „Aber Silke, das war doch meine
Schwester, die ich dort getroffen habe.“ – Schicksal, denkt Robert entspannt
und hält den Burschen aus Texas nicht unbedingt für die schlechtere Partie, war
sein Verhältnis zum ehemaligen Kollegen Özdemir doch eigentlich eher selten von
absoluter Übereinstimmung geprägt, insbesondere seit dieser von London fort ist
und heute in Ankara für die Amerikaner arbeitet. Letztendlich liegt ihm sowieso
allein Silke‘s Wohl am Herzen. – Für uns bleibt also abzuwarten, was für sie
das Beste sein wird. Nächsten Freitag werden wir es wissen. Bis dahin, Euer
Stefan

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