„Mrs. Black macht in der Finanzwelt ab und zu von sich
reden. Bewundernswert wie sie ihr Schicksal meistert.“ Robert hofft, nicht nach
David gefragt zu werden, denn in seiner Position wird auf absolute Glaubwürdigkeit Wert
gelegt, was den Spielraum für Ausflüchte begrenzt. So versucht er mittels eines
eingeleiteten Malheurchens mit seiner Teetasse, geschickt das Thema zu
bestimmen. „Oh pardon! Das tut mir leid, wie unachtsam von mir.“ „Um Gottes willen,
machen Sie sich doch darüber keine Gedanken, Mr. Wick. Nicht um das Tischtuch.
Ich bitte Sie.“ Beruhigt die noch von herber Stallluft umgebene Lady ihren
auserwählten Akteur, charmant lächelnd, während sogleich vom umsichtigen
Personal sechshändig neu eingedeckt wird. „Nancy Black ist meine engste
Freundin. Sie hat mich in den Stiftungsfragen mit ihrem Stab beraten. Wir
besuchen uns gern. Aber in ihren Maserati sollte man nicht ohne Testament einsteigen.
– Den zweiten Gatten hatte ich nie kennengelernt.“ Erleichtert über das
Ausbleiben befürchteter Nachfrage, gönnt sich Robert nun den neu eingeschenkten
Tee von seiner Lieblingssorte Earl Grey und sieht durch die Nachricht, dass
Mrs. Anderson mit David’s Ehefrau befreundet ist, keine weiteren Probleme auf
sich zukommen. Dennoch will er sicherheitshalber möglichst zügig zum
eigentlichen Anlass seines Hierseins übergehen. „Verzeihung, wenn ich so direkt
frage, aber möchten Sie sich mit mir vor dem Interview noch ein wenig austauschen,
Mrs. Anderson? Es liegt mir fern, Sie versehentlich in Bedrängnis zu bringen.“ Auch
ohne diese aus dem Zweck heraus geborene Ansage, würde Robert, durch eine sich
meldende Sympathie sensibilisiert, das Interview sowieso nicht etwa in Bahnen
driften lassen, die das Potential hätten, womöglich eine skandalträchtige Sensationsstory
auszulösen. Auf einen derartigen Erfolg könnte er nicht stolz sein. Zu edel sind
die bekannten Absichten dieser vermögenden Frau, wie sich das Bild von ihr bei
ihm abgelegt hat. Nach seiner Einschätzung passend zu ihrem Wesen. Dort zu
helfen, wo es wichtig und angebracht ist. Ohne ein Denkmal zu erwarten. Denn
ein solches stellt buchstäblich schon ihr außergewöhnliches Anwesen in dieser
Landschaft dar. Fantastisch wie sie selbst. Als hätte hier ihre Familie in
Vorzeiten einen Block aus den Champs-Élysées herverfrachtet. „Sehr
rücksichtsvoll von Ihnen, so zugeneigt kennt man Sie gar nicht. Doch egal was
Sie ansprechen, ich weiß mich zu wehren, keine Sorge.“ Mit einem fast
unauffälligen Zeichen bittet Mrs. Anderson’s Bodyguard ihr etwas ins Ohr
flüstern zu dürfen und sie hört ihm zu. Scheinbar Verwunderndes erfahrend. Den
hochgezogenen Augenbrauen nach zu urteilen Befremdendes. „Kennen Sie die
französische Fotografin? Offenbar ziemlich ungezügelte Naturen, sie und ihr sportlicher
Assistent.“ Womit sich für Robert dann auch die Zukunft ‘Marie-Luise‘ erledigt
hat. „Wir hatten in den zurückliegenden zwölf Monaten zwei gemeinsame Einsätze.
Zu einem außer der Reihe fehlte die Gelegenheit.“ „Sie Armer!“ Tröstet ihn jene,
der er in schnellen Schritten zu imponieren beginnt. „Hätten Sie diesen Job
ablehnen können?“ Robert sagt nicht nein zu dem angebotenen Gläschen Sherry und
begutachtet, mit prüfendem Blick, die Gesichtszüge der Frau, welche sich in
nächster Stunde der interessierten Welt über ihre Zukunft mitteilen will. Als wolle
er noch rechtzeitig zuvor Übriges aus ihrer Vergangenheit erfahren, um dann
alles über sie zu wissen. Dass sie trotz der beeindruckenden Eleganz, von ihrer
Rasse her, eine natürlich gebliebene Erscheinung ist, passend zu ihrem Land
hier oben, sieht er. „Dann wäre ich ein Tölpel gewesen. Was auch einem freien
Journalist nicht zu häufig widerfahren sollte.“ Geschmeichelt erkundigt sich
die, bis auf ihre Freundin Nancy, wohl doch einsam gewordene Witwe, ob Robert
im Gästetrakt übernachten möchte oder die Agentur für ihn ein Hotel gebucht hat.
„Wenn Sie mich zum Frühstück nicht fressen, sollte ich das Interview verbockt
haben, bleibe ich gern. Allerdings bin ich zum Mondscheinessen eingeladen. Das
kann ich nicht absagen, die Leute möchte ich nicht enttäuschen.“ „Aha, zu
Canalla! Na, dann reiten wir doch gemeinsam rüber!“ Und ohne, dass die sich
offensichtlich riesig Freuende, eine Anweisung zu den Vorbereitungen des
Ausfluges erteilen müsste, bemerkt Robert die im Hintergrund unmittelbar
einsetzende Geschäftigkeit des Personals. „Sagen Sie ‘mal Mr. Wick, könnte es
sein, dass Sie es auf der Stelle fertigbrächten, Mrs. Anderson zu vergessen?“ Diese
Überraschung verwirrt Robert, als hörte er Stimmen aus einem nahenden Ufo.
„Warum? Wieso? Weshalb?“ „Weil es mit Paula nicht möglich wäre.“ „Und mit mir
nicht ohne einen zweiten Sherry. – Cheers Paula.“ „Cheers Robert.“ Was wird
das wohl für ein Interview? – Nächsten Freitagabend werden wir es erfahren. Bis
dahin, Euer Stefan.

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