„Wenn
das keine Überraschung ist, bonjour Robert!“ „Sei gegrüßt Marie! Wie lange ist
das her? Lass dich umarmen.“ „Zu lange, viel zu lange! – Erzähl, wie geht es
dir, was treibt deine Tochter?“ Die Fotografin war schon vor Robert im Hause
von Mrs. Anderson eingetroffen und hat sich mit ihrer Ausrüstung in der
Bibliothek ausgebreitet. Kann sie nicht einfach nur ein Aufnahmegerät auf den
Tisch legen, um ihre Arbeit zu erledigen, sondern muss ausleuchten, Reflexionen
berücksichtigen und dergleichen mehr, wie es halt die Qualität der Bilder in
Illustrierten fordert. So verfolgt sie Robert’s Worte während ihres
Umherschwirrens. „Silke ist mit ihrem Prof in Marokko, auf Ausgrabung. Wir
hatten letzten November endlich ‘mal begonnen einiges gemeinsam zu unternehmen
und eine tolle Zeit. Wollen wir jetzt öfter machen. – Bist Du für den Termin extra
aus Paris gekommen?“ „Nein, wo denkst Du hin? Allein wegen dir, mon cher! Natürlich
nicht, wir haben in Denver zu tun, Modeaufnahmen. – Bernard, die Kabel hinter
die Sessel! Wie ich Monsieur Robert kenne, bevorzugt er es bequem.“ Die
Zigarette im Mundwinkel kauend, als wäre sie schuld daran, dass seine Pause
noch zu warten hat, ändert der Assistent die Verlegungen. „Hast du sie schon
gesehen?“ Erkundigt sich Robert bei der Fotografin, die auch das Model sein
könnte, wenn die Attraktivsten in die Linse schauen. „Heute noch nicht und das
letzte Mal ist zwei Jahre her, als wir die Aufnahmen mit ihr im Reitstall machten.
Seitdem sah man sie nirgendwo. Ist mir also treu geblieben. Kann ich das auch
von dir sagen?“ Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, hält Marie-Louise
dennoch für einen Augenblick mit ihrem Hantieren inne und wird dafür von Robert
durch einen zarten Kuss auf die Wange belohnt. „Aber meine Liebe, ich hätte
doch gar keine Zeit.“ „Das glaube ich dir sogar, wo du überall in der Welt
umherdüst. Und da du heute hier mit von der Partie bist, wird es sich gewiss auch
nicht bloß um den üblichen Klatsch handeln. – Erwarten wir einen Weltkrieg? Zieht
die Grande Dame in einen Atombunker?“ Ob von alledem etwas ernst zu nehmen sein
könnte, will Robert jetzt nicht kommentieren. Vielleicht später. „Sehen wir uns
nach der Arbeit? Ich bin zu einem Mondscheinessen eingeladen. Bei hiesigen
Indianern. Interessante Leute. Würde dir sicherlich auch Spaß machen und wir
hätten noch ein paar Stunden zusammen. Sag ja, Marie.“ Wobei Robert eigentlich
schon die Antwort kennt. Einer von ihnen hat ja nie Zeit. „Haben Sie noch einen
Wunsch? Miss Anderson wird in Kürze erscheinen.“ Teilt eine der freundlichen
Bediensteten in farbenprächtigem Dress den Besuchern mit. „Bikinishow in den
Rockies. Er wird auch dabei sein. Die Helikopter sind zu neun Uhr früh
geordert. Ein hunderttausend Dollar-Vormittag. Schade, wir müssen deshalb heute
noch die letzte Maschine nach Denver nehmen. Und die startet vor deinem Mondscheinspektakel.“
Als hätte Robert es nicht wieder geahnt, widmet er zur Zerstreuung seine
Aufmerksamkeit der Bildergalerie über dem Kamin, kommt jedoch von einem Foto
nicht so recht los. Zum ersten Mal sieht er Nancy. Sie muss es sein. Denn hinter
ihrem Rollstuhl steht David, Robert‘s ehemaliger Freund aus ‘ChancenPool‘.
„Kennen Sie die beiden, Mr. Wick?“ Fragt die herangenahte Hausherrin, ihren
Poncho über einen Sessel werfend, noch in Stiefeln und Reithose, und bittet Robert
zum Tee, was ihn ins Grübeln bringt, welche Verbindungen hier wohl bestehen. –
Nächsten Freitag werden wir es erfahren. Bis dahin, Euer Stefan.

http://www.die-erlebnisse-des-robert-wick.de